Es war das Jahr 1883, als Curt Karl Bruno von François – ein Name wie ein schlecht sitzender Tropenhelm aus Pappe, der im tropischen Regen langsam aufweicht – seinen Stiefel in den feinkörnigen Sand der Walfischbucht setzte und so nach einer, seiner Meinung nach unzumutbaren langen Reise das Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika erreichte. Im Gepäck hatte der erste Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika ein paar Kisten Schnaps, einundzwanzig verlauste Soldaten und die fixe Idee, man könne die flirrende Leere Afrikas mit Formularen besiegen.
Es war eine Schar, die weniger einer Invasionsarmee glich als vielmehr einer Gruppe verirrter Primaner in wollenen Beinkleidern und Tropenhelmen, deren Poren bereits nach wenigen Minuten jenen säuerlichen Geruch der Überforderung ausdünsteten. Sie trugen den festen Glauben im Tornister, dass die Welt, diese Terra incognita, nur darauf gewartet hatte, endlich vermessen, katalogisiert und in preußische Kataster eingetragen zu werden.
Die Spinne im Bernsteinklumpen
François, dessen geistiger Horizont kaum weiter reichte als der Schatten seiner Pickelhaube, drang ins Landesinnere vor. Er ritt nicht; er administrierte sich durch die Ödnis. In einem Talkessel, den die Eingeborenen aus gutem Grunde mieden, ließ er halten. Hier sollte es geschehen. Mit der stoischen Verbohrtheit eines Mannes, der den rechten Winkel für eine göttliche Offenbarung hält, ließ er Lehmziegel backen. Er errichtete die „Älte Feste“, einen architektonischen Klumpen Angst in der flirrenden Hitze. Dort verharrte der Kommandeur wie eine Spinne im Bernsteinklumpen, aß konserviertes Rindfleisch und verfasste endlose Depeschen an den Reichskanzler, in denen er die Unterwerfung der Natur proklamierte, während draußen die Termiten bereits begannen, an seinen Stiefelsohlen zu nagen.

Doch jede Geschichte braucht ihren Antagonisten, und in seiner fiebrigen Hybris auserkor François den Kaptein Hendrik Witbooi, Häuptling des Stammes der Nama. Witbooi aber, ein Mann von aristokratischer Haltung und scharfem Verstand, weigerte sich, der deutschen „Schutzherrschaft“ zu unterwerfen. Er schrieb Briefe von einer geschliffenen Höflichkeit, die François, dessen geistiger Horizont am Tellerrand der Kasernenkantine endete, regelmäßig zur Weißglut trieben.
Dann, 1893, die unvermeidliche Eskalation seiner eigenen Bedeutungslosigkeit: der Überfall auf den Ort Hornkranz. Da der François seinem Gegenüber Hendrik Witbooi intellektuell nicht gewachsen war – Witbooi führte eine Korrespondenz von einer Eleganz, die Curt vermutlich für undeutsch hielt –, wählte François die Sprache, die der geistigen Bankrott stets wählt: die Gewalt. Er ließ im Morgengrauen das Feuer auf ein schlafendes Dorf eröffnen. Es war keine Schlacht, es war eine bürokratische Bestandsbereinigung. Es war das Ausradieren eines störenden Flecks auf der Generalstabskarte, vollzogen mit jener hygienischen Grausamkeit, die dem deutschen Beamtengeist so eigen ist.
Deutsch-Südwestafrikas Schlächter
Er notierte den Munitionsverbrauch pflichtbewusst in seine Kladde und nannte es „Befriedung“, wies sein Gefolge an, die etwa 80 toten Nama, deren Zahl er je nach Berichtsempfänger großzügig ab- oder aufrundete, im heißen Wüstensand der Namib verscharren, und klopfte sich den Staub von der Kolonialuniform im zufriedenen Gewissen, ein Exempel statuiert zu haben. Die zwei kolonialen Streitkräfte, die das Massaker durch präzise Speerwürfe der Nama nicht überlebten, wurden schmatzend akzeptiert und an den Rand notiert.

August Rochus Schmidt, Militärkommandeur und Beamter in Deutsch-Ostafrika mit einem Hang zu prachtvollen, damals langsam aus der Mode kommenden Zwirbelbärten, berichtete nach dem doch etwas unglücklich verlaufenen Vorfall in preußischer Pflicht:
Am 12. April 1893 erfolgte die glückliche Erstürmung dieser Feste [Hornkranz], wobei die Witboileute an Toten 50 Mann und 30 Weiber (die Letzteren waren mit in der Feste untergebracht und wurden so naturgemäß bei der Beschießung in Mitleidenschaft gezogen), an Verwundeten ungefähr 100 Leute beiderlei Geschlechts verloren, während die Verluste auf deutscher Seite nur zwei Tote und zwei Verwundete betrugen.
— Rochus Schmidt: Deutschlands Kolonien. Berlin ca. 1898, S. 272.
Denkmal der Schande
Doch selbst in Berlin, diesem fernen, neurasthenischen Zentrum der Macht, begann man, die Stirn zu runzeln. François war nicht grausam genug, um effizient zu sein, und zu ineffizient, um seine Grausamkeit zu rechtfertigen. Er war, so der Konsens in den Salons, unpraktisch. 1894 wurde der Kommandeur abberufen, ersetzt durch den pragmatischeren und – so wurde im kalten Berlin getuschelt – auch besser gekleideten Generalmajor Theodor Gotthilf Leutwein, und verschwand vom Tableau wie ein Requisit, das im falschen Akt auf die Bühne getragen worden war.

Noch im selben Jahr kehrte der nun nicht mehr Kommandeur Curt Karl Bruno von François heim, verblasste im grauen Nieselregen des langsam auslaufenden 19. Jahrhunderts, überzeugt, ein Lichtbringer gewesen zu sein. Der Schlächter von Deutsch-Südwestafrika verstarb am 28. Dezember 1931 ohne große Zurkenntnisnahme im brandenburgischen Königs Winterhausen.
Dass sein bronzenes Abbild noch über ein Jahrhundert lang in Windhuk stehen durfte, ernst und verständnislos auf einen Parkplatz blickend, war die letzte, subtile Pointe der Geschichte. Ein Götze der Inkompetenz, vergessen und von Tauben beschmutzt, bis er 2022 endlich entsorgt wurde – nicht mit revolutionärem Zorn, sondern mit jener beiläufigen Handbewegung, mit der man einen vertrockneten Ficus auf den Kompost wirft.

